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US-Wahlen 2020 – die Würfel sind noch nicht gefallen

19. Februar 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Ikram Boulfernane, Financial Economist LGT Capital Partners

Die Anstecker werben für die US Präsidentschaftswahlen 2020.

Elektoren, Super Tuesday, Swing States – dieses Vokabular wird uns bis zum 3. November 2020 begleiten. Dann findet der politische Anlass des Jahres statt: die US-Präsidentschaftswahl. Grund genug für einen Überblick über das US-Wahlsystem.

Dieses Jahr pilgern die wahlberechtigten US-Amerikaner zu den Urnen und wählen ihren neuen Präsidenten fürs Weisse Haus. Der Wahlkampf ist schon in vollem Gange. Zeitgleich werden auch der Vizepräsident, alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 35 der 100 Senatoren gewählt.

Die US-Verfassung verliert kein Wort über Parteien. Dementsprechend ist eine Parteizugehörigkeit der Kandidaten nicht erforderlich. Doch in der Praxis haben nur Kandidaten, die von einer Partei unterstützt werden, eine Chance auf die Präsidentschaft. Seit dem 19. Jahrhundert dominieren die Demokratische und die Republikanische Partei die US-Institutionen.

Die Republikanische Partei geht mit US-Präsident Trump ins Rennen. Das legen zumindest diverse Prognosen nahe. Bei den US-Demokraten klärt sich die Frage, wer für sie die Wahl des US-Präsidenten bestreitet, in den Vorwahlen. Mehrere Personen werben in der Kandidatur um die Gunst der Parteibasis. Ziel ist es, eine möglichst breite Volksgruppe hinter einem Kandidaten zu vereinen und jegliche Spaltung der Wähler zu vermeiden.

Die parteiinternen Vorwahlen haben im Februar im Staat Iowa angefangen. Nun zieht der politische Zirkus bis Mitte Jahr weiter. In dieser Periode sollte sich zeigen, wer Gegenspieler oder Gegenspielerin von US-Präsident Donald Trump wird.

In den 50 Bundesstaaten, im Bundesdistrikt Washington D.C. und in den US-Aussengebieten werden Wahlen (Primaries) oder Versammlungen (Caucuses) abgehalten. Bei den Primaries wählen registrierte Stimmbürger in einem Bundesstaat direkt, für welchen Kandidaten ihre Delegierten stimmen sollen. Bei den Caucuses wählen die Wahlberechtigten lokale Delegierte. Diese wählen dann in weiteren Runden die Delegierten für den nationalen Parteitag. Im Rahmen des nationalen Parteitags (National Convention) im Sommer des Wahljahres stimmen die Delegierten darüber ab, wer als Kandidat für das Amt des Präsidenten und Vizepräsidenten antritt.

Journalisten im Pressebereich verfolgen eine Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump.

Ein Höhepunkt im US-Wahlkampf ist der sogenannte Super Tuesday. An diesem finden in mehreren Bundesstaaten gleichzeitig Primaries oder Caucuses statt. Die meisten Delegierten werden an diesem Tag gewählt. Für die Präsidentschaftskandidaten ist ein gutes Abschneiden besonders wichtig, da sie sich damit eine erfolgreiche Nominierung als Kandidat der Partei sichern können. Voraussichtlich wird es zu 50 Primaries und sieben Caucuses kommen. Die letzten Wahlen der Demokraten finden am 6. Juni auf den Amerikanischen Jungferninseln statt. Ihr definitiver Präsidentschaftskandidat dürfte im Juli 2020 feststehen.

Electoral College – ein entscheidender Faktor bei den US-Wahlen

Die US-Bürger wählen den Präsidenten nicht direkt, sondern indirekt über das Wahlkollegium. Es besteht aus 538 Elektoren. Bundesstaaten mit einer grösseren Bevölkerung besitzen mehr Stimmen, jeder Staat aber mindestens drei. Die Elektoren verpflichten sich, einen bestimmten Kandidaten zu wählen. Der Kandidat oder die Kandidatin, der die Mehrheit von 270 Wahlmänner erreicht, gewinnt die Präsidentschaftswahl.

In 48 der 50 Bundesstaaten gilt das sogenannte "Winner-takes-all-Prinzip". Der Kandidat, der die Mehrheit der Stimmen erzielt, erhält sämtliche Stimmen. In Maine und Nebraska werden die Elektoren proportional zum Wahlergebnis aufgeteilt. Bei einer Patt-Situation – falls beide Präsidentschaftskandidaten auf 269 Wahlmänner kommen – kommt der 12. Zusatzartikel der Verfassung zum Zuge. Das neu gewählte US-Repräsentantenhaus stimmt über den Präsidenten ab und jeder Bundesstaat besitzt dann nur noch eine Stimme. Wie bei der Wahl 2016 können zwischen der Volks- und Elektorenwahl Differenzen auftreten.

Swing States – die umkämpften Staaten

Der Wahlausgang lässt sich in vielen Bundesstaaten relativ gut vorhersagen. Dies gilt jedoch nicht in den Swing States. Weder die Demokraten noch die Republikaner besitzen in diesen eine strukturelle Mehrheit. Jeder Bundesstaat stellt zwei Senatoren. Diejenigen, die einen Demokraten und Republikaner zum Senat senden, zählen tendenziell zu den Swing States.

In diesen Staaten entscheidet sich oft, wer ins Weisse Haus einzieht. Sollten sich die Trends aus den Jahren 2012 und 2016 fortsetzen, gelten Arizona, Maine, Minnesota, Nebraskas zweiter Kongressbezirk, New Hampshire, North Carolina, Florida, Michigan, Pennsylvania und Wisconsin als Swing States.

Anleger und die Risiken der Wahlen

Nationale Wahlen tangieren in der Regel internationale Investoren nur peripher. Nicht so die US-Präsidentschaftswahl! Die USA dominieren die internationalen Finanzmärkte: Sie repräsentieren rund 55% im MSCI All Country World Index. Deren Anleihen sind global ein Mass für Bewertungskalkulationen diverser Vermögensklassen. Zudem wird der US-Dollar in 88% der weltweiten Währungstransaktionen eingesetzt. Die US-Politik scheint aktuell das wichtigste Risiko für Marktteilnehmer zu sein. Das ist Grund genug für Anleger, diese Präsidentschaftswahl nicht zu ignorieren. 

Diverse Umfragen prognostizieren eine Wiederwahl von Trump. Die brummende US-Wirtschaft ist der beste Wahlhelfer für den amtierenden Präsidenten. Eine Rezession im 2020 ist nicht in Sicht. Mit der Steuerreform hat die Trump-Administration für konjunkturellen Rückenwind gesorgt und den S&P 500-Unternehmen höhere Gewinne beschert. Bei einer Wiederwahl kann davon ausgegangen werden, dass das Unternehmenssteuerumfeld gleich bleibt.

Je näher die Wahlen rücken, desto wahrscheinlicher dürften die Märkte volatil werden.

Anders sieht die Situation aus, wenn ein Demokrat an die Macht käme. Das gilt vor allem dann, wenn es ein Kandidat des progressiven Parteiflügels wie Bernie Sanders wäre. Höhere Steuern, striktere Regularien und somit eine Eintrübung der Marktstimmung dürften nicht überraschen. Solche Vorhaben gelingen aber nur mit dem Rückhalt des Kongresses, was eine Dominanz der Demokraten in der Legislative voraussetzt. Die Fronten im Handelskrieg gegen China werden auch bei einem Sieg der Demokraten verhärtet bleiben.

Im Rennen um die US-Präsidentschaft sind die Würfel zwar noch nicht gefallen. Es zeichnet sich aber ab, dass Donald Trump auch in den nächsten vier Jahren Präsident der USA bleiben könnte. Nichtsdestotrotz empfiehlt es sich für Anleger, selektiv vorzugehen und ihr Portfolio für diverse Szenarien zu wappnen. Je näher die Wahlen rücken, desto wahrscheinlicher dürften die Märkte volatil werden. Dementsprechend ist Diversifikation das Gebot der Stunde.

Bilder: KEYSTONE-SDA / AP Photo / John Locher.

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