Skip navigation Scroll to top
LGT
VALUES WORTH SHARING
Scroll to top

Bitte nicht stören, ich bin im Flow

14. April 2020

Lesezeit: 8 Minuten

von Christoph Drösser, Gastautor

Mihaly Csikszentmihalyi Flow Psychologie

So konzentriert, dass wir alles um uns vergessen: Mihaly Csikszentmihalyi über die Entdeckung des Flows. 

Der Begriff Flow bezeichnet in der Psychologie den beglückenden Zustand, den wir erreichen, wenn wir in einer herausfordernden Tätigkeit voll aufgehen. Geprägt hat ihn Mihaly Csikszentmihalyi. In seinem Haus in Los Angeles erklärt der ungarisch-amerikanische Forscher die Historie seiner Idee. 

Herr Csikszentmihalyi, wie und wann sind Sie auf das Konzept des Flows gekommen?

Das muss beim Bergsteigen gewesen sein, in Italien, noch bevor ich in die USA emigriert bin. Ich bin eine Menge geklettert: in den Alpen, in der Schweiz, Österreich und Italien. In Chicago war alles völlig flach, dann habe ich die Grand Tetons entdeckt. Ich bin im Sommer in einen Zug oder Bus gestiegen und nach Colorado und Wyoming gefahren, um zu klettern. Dann habe ich angefangen, in Zeitschriften übers Klettern zu schreiben – als eine sportliche Erfahrung, aber auch als einen Weg, sich selbst zu entdecken und mit dem Leben klarzukommen.

Ich glaube, der Begriff Flow war sehr wichtig für den Erfolg Ihrer Idee.

Es war zuerst nur ein Gefühl. Als ich dann einmal in einem Fluss in Nordkalifornien geschwommen bin, kam mir der Gedanke: Oh, das ist genau das Gefühl, das ich beim Klettern habe. Seitdem nenne ich es die Flow-Erfahrung, es war eine natürliche Analogie.

Flow State Mihaly Csikszentmihalyi
Kletterer, Poeten, Tänzer: Sie alle erreichen den Flow-State.

Wie haben Sie daraus ein wissenschaftliches Konzept entwickelt?

Zuerst habe ich Interviews geführt mit Menschen, die ähnliche Dinge gemacht haben wie ich: Bergsteiger, Skifahrer, Langstreckenschwimmer, Marathonläufer. Ich habe gefragt, wie sie sich fühlen, und ihre Geschichten aufgeschrieben. Dann habe ich ein paar Bergsteiger befragt, die auch gedichtet haben. Und sie sagten: Das Bergsteigen ist wie Gedichte schreiben. Wie das?, fragte ich. Ich habe versucht, diese Erfahrungen zu klassifizieren, zu analysieren und aufs Wesentliche zu reduzieren. Mit dem Wort Flow habe ich versucht, die Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Erfahrungen auszudrücken.

Was haben Sie anhand Ihrer Daten herausgefunden?

Die Bergsteiger hatten mir in den Interviews erzählt, dass sie die besten Erfahrungen hätten, wenn sie ihre Höchstleistung vollbrachten und dabei das Gefühl hatten, das gut zu machen. Ich wusste also, dass die Balance von Herausforderung und Fähigkeit ein Schlüssel zu ihren Erfahrungen war. Ich wollte wissen, ob das auch auf Menschen zutrifft, die nie geklettert sind oder auch nur daran gedacht haben. Und ich stellte fest, dass Chirurgen Ähnliches berichteten, wenn ihnen eine Operation gelang. Auch Arbeiter am Fliessband in der Autoindustrie fühlen dasselbe, wenn ihnen die Arbeit gut von der Hand geht. Es ist ein Gefühl, das wir alle bekommen, wenn wir in einer anspruchsvollen Tätigkeit an der Grenze unserer Fähigkeiten operieren.

Dann habe ich ein Koordinatensystem aus Fähigkeiten und Anforderungen entworfen und acht Sektoren identifiziert, basierend auf den Selbstbeobachtungen. Man ist zum Beispiel ängstlich, wenn das Fähigkeitsniveau niedrig ist und die Anforderung hoch. Man hat die Dinge unter Kontrolle, wenn man auf seine Fähigkeiten vertraut, aber die Anforderung durchschnittlich ist. Und wenn man sehr gefordert ist, aber auch sehr zuversichtlich, dann ist man im Flow.

Chart zum Flow

Eine Ihrer Erklärungen für die enorme Befriedigung durch eine Flow-Erfahrung war, dass das Gehirn in diesen Momenten voll gefordert ist: Man kann an gar nichts anderes denken, das einen beunruhigen oder ablenken würde.

Der menschliche Geist ist darauf programmiert, sich Bedrohungen, unerledigten Aufgaben, Versagen und unerfüllten Wünschen zuzuwenden, wenn er nichts Dringenderes zu tun hat, die Aufmerksamkeit also wandern kann. Wenn wir uns auf nichts fokussieren, werden viele Menschen zunehmend depressiv. Im Flow ist kein Platz für solche Grübeleien. Man muss über die Expertise verfügen, die Schwierigkeit einzuschätzen, und wenn man ihr gewachsen ist, stellt sich der Flow ein. Ein guter Bergsteiger kann immer grössere Risiken eingehen – aber irgendwann muss er aufhören. Er hat seine Grenze gefunden und kann sagen: Okay, ab jetzt ist das Bergsteigen langweilig. Viele können das nicht – und kommen ums Leben, weil sie sich an Dinge wagen, denen sie nicht gewachsen sind.

Haben Sie das auch mit bildgebenden Techniken im Gehirn nachweisen können?

Oh, ja. Es gibt da sehr klare Muster. Man kann anhand eines Hirnscans sehen, ob ein Mensch im Flow ist.

Erzählen Sie uns von einigen Charakteristika des Flow-Zustands.

Das, was man tut, möchte man so intensiv, dass man alles andere vergisst. Man vergisst, dass man Hunger hat oder in einer Stunde zur Arbeit muss. Das kann bei der Gartenarbeit passieren, beim Lesen; manche Menschen erfahren es bei der Arbeit oder im Kreis der Familie, andere bei Freizeitaktivitäten. Es gibt da klare Muster, abhängig von Alter, Geschlecht, Bildung und Beruf. Wenn ich mir eine dieser Aufzeichnungen ansehe, kann ich meist ziemlich genau sagen, von was für einer Person sie stammen.

Mihaly Csikszentmihalyi flow state
"Das, was man tut, möchte man so intensiv, dass man alles andere vergisst."

Wie können Firmen ihren Mitarbeiter helfen, in den Flow zu kommen?

Nach unseren Erkenntnissen sind die Faktoren, die einem den Flow-Zustand ermöglichen, bei der Arbeit und in der Freizeit dieselben. Nämlich dass man die richtige Balance zwischen Anforderungen und Fähigkeiten findet. Man bekommt ein klares Feedback für das, was man tut. Man weiss, warum man es tut. Die Ziele sind klar, man bekommt ein gutes Gefühl, weil man weiss, was man tut. Das sind die Schlüsselelemente – der Rest kommt von selbst.

Kann jeder Mensch eine Tätigkeit finden, die ihn oder sie in einen Flow-Zustand versetzt?

Ja, aber viele Menschen finden erst spät in ihrem Leben heraus, was für eine Aktivität das ist. Und dann sagen sie: Mein Gott, ich habe 60 Jahre damit verbracht, Dinge zu tun, die mir keinen Spass machen, und jetzt erst weiss ich, was mir wirklich Spass macht. Ich repariere alte Teppiche, ich poliere Silber, ich lese Gedichte – und ich hatte keine Ahnung, wie gut mir das tut.

Photos: Gyula Czimbal / MTI / picturedesk.com. 

Dieser Artikel ist erstmals im LGT Kundenmagazin CREDO erschienen.

Mihaly Csikszentmihalyi

Mihaly Csikszentmihalyi wurde 1934 im heutigen Rijeka (Kroatien) geboren, das damals zu Italien gehörte. Csikszentmihalyi wuchs in Rom auf und ging mit 22 Jahren in die USA, um an der University of Chicago zu studieren. Dort promovierte er auch als Psychologe und wurde bekannt durch seine Arbeiten über Glück und Kreativität. Im Jahr 1975 entwickelte er das Konzept des Flows. Dieses Phänomen hat er in einer Reihe von Büchern beschrieben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Heute lebt Csikszentmihalyi mit seiner Frau Isabella in der Nähe von Los Angeles und lehrt dort an der Claremont Graduate University.

Mehr vom LGT Online Magazin?

Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse und erhalten per Newsletter regelmäßig das Aktuellste vom LGT Online Magazin.
Newsletter abonnieren