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"Ohne Vision fehlt dir schnell die Energie"

14. Februar 2020

Lesezeit: 7 Minuten

von Laura Gianesi, LGT

Planted chicken

Pascal Bieri, Mitgründer des Startup "Planted Foods", erklärt, was ein erfolgreiches Jungunternehmen ausmacht und ob Planted gegenüber den Giganten des Nahrungsmittelmarktes überhaupt Chancen hat.

Vier pflanzliche Zutaten genügen, um Hühnchen herzustellen. Sie haben richtig gelesen. Vielleicht kein klassisches Hühnchen, oder, wie Pascal Bieri es nennen würde, kein "totes Tier", aber dafür ein Planted Chicken.

Das Zürcher Startup Planted Foods stellt Fleischersatz aus Erbsenproteinen, Erbsenfasern, Rapsöl und Wasser her. Aussehen, Konsistenz und Geschmack verraten nichts über seine pflanzliche Herkunft. Dass ihr Produkt gesund, schmackhaft und erschwinglich ist, beweist ihre Erfolgsgeschichte: Momentan produziert das Startup bereits täglich bis zu 500 Kilogramm Fleisch und beschäftigt über 20 Mitarbeiter. Gegründet wurde es 2019 von Pascal Bieri, Christoph Jenny und den Lebensmittelingenieuren Lukas Böni und Eric Stirnemann. Ihre erste Finanzierungsrunde schlossen die Jungunternehmer 2019 ab, zusammengekommen sind 7 Millionen Franken. Zu den Geldgebern gehören grosse Namen wie Vegi-Unternehmer Rolf Hiltl, Denner-Erbe Philippe Gaydoul und die ETH Zürich Foundation. Jetzt ist sogar Coop, einer der grössten Schweizer Betreiber von Supermärkten, dabei, seine Regale mit Planted Chicken zu füllen.

Wie schaffen es vier Jungunternehmer in ihren frühen Dreissigern, sich gegenüber Giganten wie Nestlé zu behaupten? Und wie viel Ideologie steckt hinter dem Business? Sind sie alle eingefleischte Veganer? Mitgründer Pascal Bieri hat mit uns über sein Unternehmen, seine Philosophie und seine Motivation gesprochen.

Unternehmertum Entrepreneurship Planted Food Startup
Der Unterschied zu Tierfleisch ist weder zu erkennen noch zu erschmecken.

Herr Bieri, gehen wir zurück an den Anfang: Was war Ihre Motivation als Mitgründer von Planted Chicken?

Unser Ziel war von Anfang an, "Fleisch" direkt aus Pflanzen herzustellen. Wir haben lange an der Technologie dahinter getüftelt. Als wir dann schliesslich gesehen haben, dass es möglich ist, ein gesundes, proteinreiches, schmackhaftes und nachhaltiges Produkt ohne Zusatzstoffe herzustellen, war für uns der logische nächste Schritt, dieses Produkt auf den Markt und an die Leute zu bringen. Zu sehen wie Leute ihre helle Freude an unserem pflanzlichen Poulet haben, ist immer wieder eine grossartige Erfahrung.


Das heisst, Ihre Motivation ist eher praktischer statt ideologischer Natur.

Wir sind sicher nicht die Hardcore-Veganer, die ausrufen "esst keine Tiere mehr!". Unsere Botschaft ist eher: Es gibt eine Alternative zu eurem Menü mit Poulet, die gesünder, schmackhafter und auch nachhaltiger ist. Das heisst: Wir können jetzt leckere Menüs kochen, in denen vorher ein totes Tier drin war. Also ja, es ist sicher Ideologie dabei, aber wir spielen das nicht aggressiv aus. Wir wollen den Leuten einfach die Möglichkeit offerieren, etwas Neues auszuprobieren und das Fleisch auf ihrem Menüplan zu ersetzen.

Sie sind also eher Pragmatiker als Ideologen. Trotzdem: Braucht man als Unternehmer eine Vision, um ein eigenes Startup auf die Beine zu stellen?

Es geht sicher auch ohne, wird aber schwierig. Ohne Vision fehlt dir schnell die Energie. Was wir zum Beispiel merken, ist, dass unsere Leute extrem stark an einem Strang ziehen, weil wir eine klare Vision haben und zusammen auf eine Veränderung hinarbeiten. Wenn du dieses Feuer entfachen kannst und die Leute intrinsisch motiviert sind, geht alles einfacher. Sieht man als Team einen Sinn hinter der Arbeit, ist man auch viel eher bereit die berühmte Extra-Meile zu gehen – was man bei einem Startup auch muss. Gerade heutzutage wollen wir doch alle einen Job, der mehr bedeutet als nur Brotverdienst. Deshalb sind Startups oft auch so interessant für junge, sinnsuchende Leute. Das sind oft Firmen, die ganz spezifisch aufzeigen, was sie in der Gesellschaft verändern wollen.

Unternehmertum Entrepreneurship Planted Food Startup
Mitgründer Pascal Bieri: "Wir wollen den Leuten die Möglichkeit offerieren, etwas Neues auszuprobieren."

Stichwort intrinsische Motivation: Was braucht es Ihrer Erfahrung nach sonst noch, um als Unternehmer erfolgreich zu sein?

Wichtig ist sicher, konsequent der eigenen Linie treu zu bleiben. Aber auch offen einzugestehen, wenn Fehler passiert sind. Ich würde empfehlen, möglichst faktenbasiert und nüchtern zu versuchen, Probleme anzugehen, ohne dabei die eigenen Werte zu vergessen. Wenn du merkst: Wir müssen jetzt einen Grundwert von uns biegen, um unser Projekt zum Laufen zu bringen, dann ist es wahrscheinlich das Falsche. Wenn du hingegen realisierst, dass eine Initiative nüchtern betrachtet nicht die erwünschten Resultate liefert, dann stehe dazu, dass du falsch entschieden hast und nimm einen anderen Anlauf.

Momentan sind die grossen Namen im Fleischersatzbusiness Beyond Meat, Impossible Foods und Nestlé. Haben kleine Startups da überhaupt Überlebenschancen?

Das haben sie. Grosse Unternehmen offerieren meistens sojabasierte Produkte, die unserer Meinung nach am Ziel vorbeischiessen: Sie schmecken vordergründig zwar oft wie tierisches Fleisch, sind aber voller Zusatzstoffe und Aromen. Wenn wir unsere Vision und unsere Werte zusammen mit unserer Community aufbauen können, dann ist die Chance eines Startups gegenüber einem Corporate sicher da. Das sehe ich im Moment auch bei unserem Coop-Launch.

Wie meinen Sie das genau?

Unser Planted Chicken ist bei Coop soeben landesweit in die Regale gekommen. Wir begleiten diesen Launch beispielsweise mit einem Foodtruck. Er fährt in der ganzen Schweiz herum und verteilt gratis Planted Chicken Tacos – so kommen wir mit den Leuten ins Gespräch und können allfällige Stigmata in Bezug auf Food-Tech und unser Pflanzenfleisch abbauen. Wir haben eine Geschichte zu erzählen und stehen zu unserer Vision und unseren Werten. Ich glaube, als grosser Corporate geht man den Markt ganz anders an, kommt auch entsprechend anders rüber, ist oft zu weit weg von den Leuten. Solche Möglichkeiten können und müssen wir als Startup voll ausschöpfen.

Unternehmertum Entrepreneurship Planted Food Startup
Nicht nur für eingefleischte Veganer: Die Planted Gründer verstehen sich in erster Linie als innovative Unternehmer.

Soviel zu den Chancen eines Startup. Was war denn bisher Ihre grösste Herausforderung bei Planted?

(überlegt)

Oder Ihre grössten Herausforderungen?

Da waren einige. Ich glaube, die grösste Herausforderung ist immer, das Team, die Energie und die Kräfte zu bündeln und in die gewünschte Richtung zu steuern. Alle sind super motiviert, rennen aber in verschiedene Richtungen. Diese Energie muss man bündeln und Prioritäten setzen. Es ist extrem wichtig rüberzubringen, was die Gedanken hinter einem nächsten Schritt sind. Eine weitere grosse Herausforderung – ganz klassisch – ist die Skalierung. Angefangen haben wir mit wenigen Kilos pro Stunde und Tag, inzwischen dürfen wir einen relativ grossen Markt beliefern. Daher braucht es angepasste Technologie- und Produktionsschritte, neue Prozesse, oft auch andere Denkweisen, und natürlich eine grössere Supply Chain, die das ganze trägt. Das sind ganz praktische, operative Probleme, die auch dazugehören.

Bilder: planted.ch

Pascal Bieri war ein Speaker am letzten Alumni Event der LGT Next Generation Academy (NGA). Die NGA bietet jungen Unternehmern und Investoren die Möglichkeit, ihr Wissen über Finanzen und Vermögensverwaltung zu festigen. Ausserdem ist die Academy eine Plattform für den internationalen Austausch und bietet inspirierende Vorträge und Workshops rund um die Themen Unternehmertum und Innovation.

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