Skip navigation Scroll to top
Scroll to top

Unternehmensnachfolge fair und gerecht gestalten

24. November 2022

Lesezeit: 4 Minuten

von Tilmann Schaal (LGT)

Justitia: Unternehmensnachfolge fair und gerecht gestalten

Wie gelingt es, ein Familienunternehmen so an die Kinder weiterzugeben, dass sich alle gerecht behandelt fühlen? Das weiss Nachfolge-Expertin Claudia Buchmann.  

Erbschaft: Kaum ein anderes Thema birgt ein derart grosses Konfliktpotential für Familien; dies gilt auch und insbesondere für Unternehmerfamilien. Kein Wunder also, dass das Thema jüngst wieder mal ein dankbarer Stoff für eine spannende TV-Produktion war.

Doch was in der fiktiven Szenerie der HBO-Serie für spannende Unterhaltung sorgt, kann Familien in der Realität über Jahrzehnte spalten oder florierende Unternehmen sogar in den Ruin treiben. Ursprung für Konflikte ist oftmals die Klage einzelner Familienmitglieder, nicht gerecht behandelt worden zu sein. Grund genug, sich mit Claudia Buchmann, einer anerkannten Nachfolgeexpertin bei «St. Galler Nachfolge», über die Rolle von Gerechtigkeit bei der Unternehmensnachfolge zu unterhalten.  

Frau Buchmann; niemand will ungerecht behandelt werden. Wenn Sie und Ihre Kollegen Unternehmerfamilien beim Thema Nachfolge beraten: Wie wichtig ist es dabei, für Gerechtigkeit zu sorgen? 

Natale Schiavoni, Detail aus «Bildnis des Fürsten Johann l. von Liechtenstein im Kreis seiner Familie», 1817 © LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna
Natale Schiavoni, Detail aus «Bildnis des Fürsten Johann l. von Liechtenstein im Kreis seiner Familie», 1817 © Liechtenstein. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

Als Beraterinnen und Berater können wir dafür sorgen, dass das Thema Gerechtigkeit und Fairness in einer Familie besprochen wird. Dabei geht es uns darum, dass die Familie zusammen diskutiert, was denn die einzelnen Mitglieder unter Gerechtigkeit und Fairness im Kontext der Unternehmensnachfolge verstehen und wo das gemeinsame Verständnis zum Thema liegt.

Dabei ist uns wichtig aufzuzeigen, dass es weder eine absolute Gerechtigkeit noch die eine gerechte Lösung gibt. Es existieren jedoch individuelle Vorstellungen von Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsprinzipien in dieser einen Unternehmerfamilie, wozu ein gemeinsames Verständnis geschaffen werden kann.

Mit einfachen Konzepten kommen sie da wahrscheinlich nicht weiter – ein Unternehmen lässt sich vermutlich nicht einfach aufteilen wie eine Torte. Und neben dem lieben Geld dürfte auch eine gewisse emotionale Verbundenheit der Familienmitglieder mit dem familieneigenen Unternehmen eine Rolle spielen?

Auch wenn es richtig ist, dass ein Unternehmen nicht wie eine Torte in Anzahl Stücke zerteilt werden kann, so gibt es das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit wie auch das der Prozessgerechtigkeit, die eine wichtige Rolle im Rahmen einer Unternehmensnachfolge spielen.

Family Governance bei der LGT

Die Beratung rund um die Familienverfassung ist Teil unserer Dienstleistungen zur Family Governance. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Website zum Thema.

Das klingt alles etwas abstrakt. Können Sie uns die Begriffe womöglich anhand konkreter Beispiele verdeutlichen?   

Bei der Verteilungsgerechtigkeit geht es um die Frage «Wer bekommt wie viel?» Dabei gibt es verschiedene Ermessensmöglichkeiten wie z.B. ein Leistungsprinzip («jedem nach seiner Leistung, seinen Beiträgen»), ein Gleichheitsprinzip («jedem das Gleiche») sowie ein Bedürfnisprinzip («jedem nach seinen Bedürfnissen»).

Welcher Ermessensmöglichkeit (Leistungs-, Gleichheits- oder Bedürfnisprinzip) eine Familie den Vorrang gibt, stellt keine einfache Entscheidung dar. Wir machen die Erfahrung, dass das Leistungsprinzip oft bei der Übernahme von Verantwortung im Unternehmen (Führungsnachfolge) angewendet wird.

Nachfolge-Expertin Buchmann zur Verteilungsgerechtigkeit: «Welcher Ermessensmöglichkeit eine Familie den Vorrang gibt, stellt keine einfache Entscheidung dar.»
Nachfolge-Expertin Buchmann zur Verteilungsgerechtigkeit: «Welcher Ermessensmöglichkeit eine Familie den Vorrang gibt, stellt keine einfache Entscheidung dar.»

Wenn zwei Geschwister im Unternehmen in unterschiedlichen Positionen arbeiten, dann werden sie gemäss ihrer Funktion und der damit verbundenen Verantwortung entlöhnt. Uns begegnet in der Praxis auch die Anwendung des Gleichheitsprinzips, beispielsweise wenn bei der Eigentumsnachfolge die Aktien auf alle Nachkommen zu gleichen Teilen verteilt werden. Entscheidungen, welche aufgrund des Leistungs- und des Gleichheitsprinzips gefällt werden, begegnen wir bei der Übergabe von Führung und Eigentum am meisten.

Es ist wichtig, dass eine Familie die Gerechtigkeitsfrage gemeinsam und transparent klärt.

Claudia Buchmann

Da es, wie bereits erwähnt, keine absolute Gerechtigkeit gibt, wird an dieser Stelle das Prinzip der Prozessgerechtigkeit wichtig. Diese geht von der Grundannahme aus, dass eine zu erarbeitende Lösung von den beteiligten und betroffenen Parteien besser akzeptiert wird, wenn alle adäquat am Prozess beteiligt waren und damit die Möglichkeit hatten, sich entsprechend einzubringen. Das gilt auch für den Umgang mit Informationen und Wissen. Werden alle Personen jeweils auf dem gleichen Stand gehalten, herrscht Transparenz, was ebenfalls einen wichtigen Teil der Prozessgerechtigkeit ausmacht.

Aus den Beispielen lese ich heraus, dass es sehr auf die individuellen Verhältnisse und Werte in der Familie ankommt, um die Nachfolge für alle Seiten gerecht und damit erfolgreich zu gestalten? 

Es ist in unseren Augen wichtig, dass eine Familie die Gerechtigkeitsfrage gemeinsam und transparent klärt. Dies erfordert eine offene und vertrauensvolle Kommunikation. Dabei geht es auch um Werte und die Verständigung darüber, welches denn gemeinsam getragene Werte sind.

«Es geht auch darum, die Familienmitglieder zu sensibilisieren und im Miteinander eine konstruktive Diskussionskultur zu entwickeln.» Photo
«Es geht auch darum, die Familienmitglieder zu sensibilisieren und im Miteinander eine konstruktive Diskussionskultur zu entwickeln.» Photo © Shutterstock.

Diese normative Diskussion führen wir meist sehr früh in einem Nachfolgeprozess, wenn wir mit der Familie zusammen ein Nachfolgeleitbild entwickeln. Dieses bildet eine Art Rahmen, wie die Familie in Bezug auf die Nachfolge miteinander umgehen möchte und was im Nachfolgeprozess für sie wichtig ist.

Eine frühzeitige und transparente Kommunikation scheint demnach ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Nachfolge zu sein. Mit wieviel Vorlauf sollte das im Idealfall geschehen?

Für eine solche Diskussion ist es nie zu früh; es geht ja auch darum, die Familienmitglieder auf solche Fragen zu sensibilisieren und im Miteinander eine konstruktive Diskussionskultur zu entwickeln zu Fragen, die keine alltäglichen sind. Wir machen die Erfahrung, dass sich in diesem Rahmen Eltern und ihre Nachkommen nochmals anders begegnen und kennenlernen und dass diese Art von Gesprächen neu ist. Das Neue braucht auch ein bisschen Übung.

Claudia Buchmanns drei Ratschläge an die Junior-Generation

  • Sich aktiv, offen und konstruktiv in den Nachfolgeprozess einbringen.
  • Die eigene Person kritisch hinterfragen: Will ich die Unternehmensnachfolge antreten? Kann ich das?
  • Das von der vorangehenden Generation Geschaffene würdigen – es ist die Grundlage für die Zukunft.

Luftfahrt: In einigen Bereichen scheidet Strom als Energielieferant aus.
Claudia Buchmann zur Nachfolge: «Es gibt keine absolute Gerechtigkeit.»

Welche Rolle spielt es dabei, dass alle – trotz ihrer individuellen Vorstellungen und Wünsche – ergebnisoffen miteinander diskutieren?

Ergebnisoffen zu sein ist sicherlich einer der wichtigen Faktoren, um miteinander Antworten finden zu können. Weiter wirken sich positiv aus: zuhören, Fragen stellen, ein gemeinsames Verständnis für Begrifflichkeiten finden, einen Perspektivenwechsel vornehmen, um hier nur einige zu nennen.

Wir haben hier viel über die Familie, über Werte und Kommunikation gesprochen. Alle diese Überlegungen und Diskussionen zum Thema Gerechtigkeit und Fairness erscheinen uns wichtig entlang der Frage zu führen: «Wie kann eine Unternehmensnachfolge für die Familienmitglieder gleichzeitig gerecht und auch für das Unternehmen zweckmässig sein?» Es braucht diesen Blick auf die Familie und gleichzeitig aufs Unternehmen.

Claudia Buchmanns drei Ratschläge an die Senior-Generation

  • Frühzeitig in verschiedenen möglichen Szenarien denken.
  • Den Dialog mit den Familienmitgliedern suchen und sie in den Prozess einbinden.
  • Den Nachfolgeprozess als iteratives Vorgehen verstehen: Schritt für Schritt.

Header Visual © Shutterstock.

Mehr vom LGT Online Magazin?

Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse und erhalten per Newsletter regelmäßig das Aktuellste vom LGT Online Magazin.
Newsletter abonnieren